Citalopram (Citalopramhydrobromid) – Umfassende Patienteninformation für Deutschland
Grundlegende Produktinformationen
- Internationaler Freiname (INN): Citalopram
- Handelsnamen in Deutschland: Cipramil®, Citalopram-ratiopharm®, Citalopram AL®, weitere Generika
- ATC-Code: N06AB04
- Verfügbare Darreichungsformen & Stärken:
- Filmtabletten (10 mg, 20 mg, 40 mg)
- Orale Tropfenlösung (10 mg/ml)
- Hersteller (Beispiele): Lundbeck GmbH, ratiopharm GmbH, Aliud Pharma GmbH, HEXAL AG, viele weitere
- Verschreibungsstatus: Rezeptpflichtig (§ 48 AMG – Arzneimittelgesetz)
Wirkmechanismus
Für Patientinnen und Patienten:
Citalopram gehört zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Es erhöht die Verfügbarkeit des Botenstoffes Serotonin im Gehirn. Serotonin wirkt stimmungsaufhellend und angstlösend, wodurch depressive Verstimmungen und Angstsymptome gebessert werden.
Für Fachkreise:
Citalopram hemmt selektiv und nahezu ohne Wirkung auf Noradrenalin oder Dopamin die serotonergische Rückaufnahme im synaptischen Spalt. Die Wirkung auf andere Rezeptortypen ist minimal, wodurch ein günstiges Nebenwirkungsprofil resultiert.
Pharmakokinetik
- Absorption: Hohe orale Bioverfügbarkeit (>80%). Maximale Plasmakonzentration nach 2–4 Stunden.
- Metabolismus: Über CYP2C19, CYP3A4 und CYP2D6 in der Leber (entstehende aktive Metabolite: Desmethylcitalopram, Didemethylcitalopram).
- Elimination: Hauptsächlich renal und biliär. Elimination verlängert sich bei Leber- und Nierenfunktionsstörungen.
- Halbwertszeit: Ca. 35 Stunden.
- Dauer der Wirkung: 1–2 Tage pro Einzeldosis, steady state nach etwa 1 Woche.
Alltag & Anwendung: Typische Dosierung und Gebrauch
- Übliche Anfangsdosis (Erwachsene): 20 mg pro Tag als Einzeldosis, ggf. Steigerung je nach Wirksamkeit nach 1–2 Wochen auf maximal 40 mg/Tag.
- Kinder & Jugendliche: Generell nicht zugelassen zur Behandlung von Depression unter 18 Jahren, Ausnahmen nach individueller ärztlicher Bewertung.
- Ältere Menschen (>65 Jahre): Reduzierte Maximaldosis (20 mg/Tag) empfohlen.
- Anwendung: Täglich etwa zur gleichen Uhrzeit mit Wasser unzerkaut einnehmen. Einnahme kann unabhängig von Mahlzeiten erfolgen.
- Therapiedauer: Meist mehrere Monate, oft mindestens 6 Monate. Absetzen nur nach ärztlicher Rücksprache und schrittweiser Dosisreduktion, um Absetzsymptome zu vermeiden.
Morgens oder abends einnehmen?
- Morgens: Kann Wachheit steigern, empfohlen bei Patienten mit Schlafproblemen unter Citalopram.
- Abends: Eher geeignet, falls Müdigkeit oder Sedierung als Nebenwirkung auftreten.
- Wichtig: Hauptsache ist die tägliche Einnahme zur gleichen Zeit, damit stabile Plasmaspiegel erreicht werden.
Nüchtern oder mit einer Mahlzeit?
- Einnahme mit oder ohne Nahrung möglich: Die Aufnahme wird durch typische deutsche Mahlzeiten (Frühstück, Mittagessen, Abendbrot) nicht wesentlich beeinflusst.
- Empfehlung: Bei Magenproblemen nach der Einnahme empfiehlt sich die Einnahme nach dem Essen.
Warnungen zu Wechselwirkungen
| Interaktionspartner | Beschreibung / Risiko | Empfehlung |
|---|---|---|
| Alkohol | Kombination kann dämpfende Effekte verstärken | Meiden oder nur geringe Mengen trinken |
| Andere Antidepressiva (z. B. MAO-Hemmer, SSRIs) | Gefahr eines Serotoninsyndroms (Fieber, Verwirrtheit, Muskelzuckungen) | Niemals kombinieren ohne ärztliche Kontrolle |
| Blutverdünner (z. B. ASS, Warfarin) | Erhöhte Blutungsgefahr | Regelmäßige Kontrolle & Dosisanpassung möglich |
| Johanniskraut | Wirkungsverstärkung/Abbaustörungen möglich | Vermeiden |
| Antiepileptika, Antipsychotika, gewisse Schmerzmittel | QT-Zeit-Verlängerung, Krampfanfälle, Rhythmusstörungen | Besondere Vorsicht, ärztlicher Check erforderlich |
| Grapefruitsaft | Kann Abbau über CYP3A4 beeinträchtigen | Besser meiden |
Indikationen laut Zulassung und Off-Label-Use
| Indikation | Zugelassen in DE? | Bemerkung |
|---|---|---|
| Depressive Episoden | Ja | Alle Schweregrade, v. a. mittel bis schwer |
| Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie | Ja | Dosisanpassung nötig, langsame Aufdosierung |
| Zwangsstörung (OCD) | Nein (Off-Label) | Kann bei Therapieresistenz erwogen werden |
| Generalisierte Angststörung, PTBS | Nein (Off-Label) | Gelegentlich Einsatz bei mangelnder Alternativen |
Dosierung je nach Indikation und Patientengruppe
| Patientengruppe | Indikation | Initialdosis | Erhaltungsdosis | Max. Tagesdosis |
|---|---|---|---|---|
| Erwachsene | Depression, Panikstörung | 10–20 mg | 20–40 mg | 40 mg |
| Ältere Patienten (>65 J.) | Depression, Panikstörung | 10 mg | 10–20 mg | 20 mg |
| Patienten mit Leber-/Niereninsuffizienz | s. o. | 5–10 mg | 10–20 mg | 20 mg |
| Kinder/Jugendliche | Depression, Panikstörung | i.d.R. nicht empfohlen* | – | – |
*In Ausnahmefällen unter engmaschiger ärztlicher Überwachung Off-Label im Jugendalter möglich.
Sicherheitsprofil und Nebenwirkungen
Grundsätzlich wird Citalopram von den meisten Patient:innen gut vertragen. Nebenwirkungen sind jedoch möglich. Eine Auswahl:
| Häufig | Gelegentlich | Selten / schwerwiegend |
|---|---|---|
| Übelkeit, Mundtrockenheit, Schwitzen, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, verminderter Appetit, sexuelle Funktionsstörungen | Zittern, Nervosität, Gewichtsveränderungen, Durchfall, Verstopfung, Verdauungsbeschwerden, erhöhter Blutdruck | QT-Zeit-Verlängerung (Herz), Krampfanfälle, Hyponatriämie (Natriummangel), Serotoninsyndrom, allergische Reaktionen |
- Nebenwirkungen sind meist zu Beginn der Therapie ausgeprägter und gehen mit der Zeit häufig zurück.
- Bei schwerwiegenden Symptomen (Herzrasen, starke Unruhe, Verwirrtheit, Fieber, Krampfanfälle): Sofort ärztlichen Rat suchen!
Anwendungshinweise für Deutschland
- Tabletten oder Tropfen immer wie verordnet einnehmen. Tabletten unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit schlucken.
- Bei Vergessen einer Dosis: Nicht doppelt einnehmen, sondern normal fortfahren.
- Therapieabbruch: Ausschleichen in ärztlicher Begleitung, um Entzugssymptome zu verhindern.
- Regelmäßige ärztliche Kontrollen (Blutbild, EKG bei Risikopatienten, Leberwerte) empfohlen – Hausarzt, Psychiater oder Facharzt für Psychosomatik kann dies in Deutschland koordinieren.
- Bei ambulant psychiatrscher Behandlung: Kosten werden in Deutschland durch die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) übernommen.
- Fahrtüchtigkeit und Bedienen von Maschinen: Vorübergehende Einschränkungen zu Therapiebeginn möglich.
Alternative Therapieoptionen (Kassenleistungen, Übersicht)
- Andere SSRIs: Sertralin, Escitalopram, Paroxetin, Fluoxetin (vergleichbarer Wirkmechanismus, individuelle Verträglichkeit & Nebenwirkungsspektrum beachten)
- SNRIs: Venlafaxin, Duloxetin (bei zusätzlichen Angstsymptomen oder Schmerzsyndromen hilfreich)
- Trizyklische Antidepressiva: Amitriptylin, Doxepin (stärkere Nebenwirkungen, Nutzen-Risiko-Check bei älteren Patienten nötig)
- Pflanzliche Mittel: Johanniskraut (apothekenpflichtig, Wechselwirkungen beachten, nicht mit Citalopram kombinieren!)
- Psychotherapie: In Kombination empfohlen, besonders bei leichten/mittelgradigen Depressionen
Alle genannten Arzneimittel sind in Deutschland zum Teil als Generika verfügbar und werden i.d.R. von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet, sofern sie indiziert und verordnet sind. Entscheidung trifft der behandelnde Arzt nach individueller Lage.
Rechtlicher Status, Zulassung und Kostenerstattung in Deutschland
- Zulassung: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), EMA für EU-weite Zulassung.
- Verschreibungspflicht: Arzneimittel muss von Ärzt:innen auf Kassen- oder Privatrezept verordnet werden.
- Kostenerstattung: Bei Depression und Panikstörung im Regelfall GKV-Leistung. Privatrezepte werden i.d.R. ebenfalls erstattet.
- Pflicht zur Abgabe- und Beratung durch die Apotheke: Apotheker:innen prüfen Wechselwirkungen und beraten individuell.
Aktuelle Forschung & Leitlinien (2022–2025)
- Neue S3-Leitlinie Unipolare Depression (AWMF, 2023): Citalopram bleibt Erstlinientherapie bei Erwachsenen mit mittelgradiger/schwerer Depression (empfohlene Startdosis: 20 mg/Tag, bei Verträglichkeit Steigerung möglich)
- Panikstörung: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie (DGPPN) empfiehlt Citalopram als eine von mehreren Alternativen
- Sicherheit: QT-Intervall-Prolongation (Herz) in aktuellen Studien weitergehend untersucht; Dosisanpassungen und EKG-Kontrollen empfohlen bei Risikopatienten
- Publikationen: vgl. DGPPN/ÄZQ-Leitlinien, AWMF 2023, EMA-Sicherheitsberichte, diverse Metaanalysen aus dem European Journal of Psychiatry (2022–2024)
Verfügbarkeit, Packungsgrößen & Preisübersicht
| Packungsgröße / Form | Typischer Apothekenpreis* | Lieferzeit (z. B. nach) |
|---|---|---|
| 30 Filmtabletten 20 mg | ca. €18–25 (GKV zuzahlungsbefreit/pr >=18 J.) | Berlin: 1 Werktag München: 1–2 Werktage Köln: 1 Werktag Hamburg: 1–2 Werktage |
| 100 Filmtabletten 20 mg | ca. €40–55 | 2–3 Werktage bundesweit |
| 20 ml Tropfen (10 mg/ml) | ca. €20–29 | 1–2 Werktage in Großstädten, 2–3 im ländlichen Raum |
*Preise abhängig von Hersteller, Rabattverträgen der Krankenkassen und der gewählten Apotheke. GKV übernimmt, abzüglich gesetzlicher Zuzahlung, alle Kosten bei medizinischer Indikation.
FAQ – Häufig gestellte Patientenfragen
- Wann setzt die Wirkung von Citalopram ein?
In der Regel nach 1–2 Wochen, volle antidepressive Wirkung meist erst nach 3–4 Wochen. Bei Panikstörung kann Besserung in ähnlichem Zeitraum auftreten. - Was mache ich, wenn ich die Einnahme vergessen habe?
Die nächste Tablette einfach zur gewohnten Zeit nehmen. Niemals die doppelte Dosis einnehmen! - Macht Citalopram abhängig?
Nein, Citalopram verursacht keine Sucht. Das plötzliche Absetzen kann jedoch Beschwerden hervorrufen, daher immer ausschleichen! - Darf ich Citalopram während der Schwangerschaft/Stillzeit nehmen?
Nur nach sorgfältiger Risiko-Nutzen-Abwägung durch den Arzt. Es gibt sichere Alternativen, Nachteile und individuelle Risiken müssen abgewogen werden. - Muss ich Lebensmittel meiden?
Nein, im deutschen Alltag keine spezifischen Nahrungsmittel, abgesehen von größeren Mengen Grapefruitsaft. Alkohol möglichst meiden!
Zusammenfassung
Citalopram ist ein bewährtes, sicheres und in Deutschland gut etabliertes Antidepressivum. Es eignet sich vor allem für die Behandlung von Depressionen und Panikstörungen, wird durch die gesetzlichen Krankenkassen erstattet und erreicht bei regelmäßiger Einnahme eine hohe Wirksamkeit. Bei individuellen Fragen oder Unsicherheiten stehen Apotheken und Ärzt:innen gerne beratend zur Seite.

